Die Menschen hinter aussergewöhnlichem Design
Drei Frauen. Drei Studios. Dreimal eine unverwechselbare Handschrift. Wir haben die drei Designerinnen getroffen, eines ihrer Projekte unter die Lupe genommen und ihnen drei Fragen gestellt, die es in sich haben. In diesem Beitrag stellen wir Hanya Leo vor.
Die australisch-schweizerische Interior-Designerin Hanya Leo hat sich in Zürich einen Namen gemacht – mit Projekten, die weit mehr sind als gestaltete Räume. Seit über einem Jahrzehnt bewegt sie sich zwischen Gastgewerbe, Gewerbe
und Wohnen und entwickelt gemeinsam mit ihren Auftraggebern Orte, die durch Materialität, Farbe und Form eine eigene Sprache sprechen. Das «Faeh House» steht exemplarisch für Hanyas Ansatz: präzise, atmosphärisch und unverwechselbar.

Hanya Leo
Hanya bringt ihre gestalterische Kraft in die Projekte ihrer Auftraggeber und ihre künstlerische Vision in die Artefakte-Kollektion. Ihr australisches Erbe verleiht den Räumen Wärme und Mut, die Schweizer Präzision gibt ihnen Halt. Sie hat unter anderem «Babu’s Bakery & Coffeehouse» neu gestaltet – ein weiterer Beweis für ihren unverwechselbaren Ansatz.
Ein Mid-Century-Haus, das Heimkommen bedeutet
Ihr Ansatz verbindet die vertiefte Auseinandersetzung mit Kontext, Materialität und Raumwirkung mit einer grossen Aufmerksamkeit für Details. Neben Innenräumen entwirft sie auch ortsspezifische Objekte, von denen einige in ihrer Serie «Artefacts» erscheinen. Gemeinsam mit einem kleinen, projektbezogen arbeitenden Team entwickelt sie so Gestaltungslösungen, die Architektur, Material und Atmosphäre zu einem stimmigen Ganzen verbinden.
In Riehen, nahe der Fondation Beyeler, wurde ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 1969 behutsam renoviert und neu interpretiert. Das «Faeh House» verbindet die architektonische Klarheit der Mid-Century-Modern-Ära mit einem zeitgemässen Wohnkonzept. Die Umgestaltung erfolgte durch Hanya in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Handschin Schweighauser. Das Haus wurde 2021 erworben und bis 2025 umfassend erneuert. Auf rund 220 m² entfaltet sich der Grundriss schrittweise: Ein schmales Entrée öffnet sich zu einem grosszügigen Küchen- und Essbereich, der vom Garten umgeben ist und in den leicht erhöhten, doppelgeschossigen Wohnraum übergeht. Auf der Eingangsebene befinden sich Gästezimmer und Büro, im Obergeschoss eine Bibliothek sowie der private Wohnbereich. Wellness- und Medienräume liegen auf den unteren Split-Levels. Das Raumprogramm wurde gemeinsam mit dem Bauherrn entwickelt und folgt der Idee eines Hauses, das sich beim Durchschreiten allmählich entfaltet – offen für Gäste und bietet zugleich einen persönlichen Rückzugsort. Natürliche, langlebige Materialien prägen das Interieur, darunter Böden aus gebrochenem schwarzem Schiefer, ein zentraler Kamin sowie Furniere und Massivholz aus Ja-toba. Die reduzierte, zeitlose Gestaltung wird durch ausgewählte Möbel ergänzt, etwa das Sofa DS-707 des Schweizer Herstellers de Sede.

«Obwohl ich gerne behaupten würde, dass meine Arbeit zeitlos ist, glaube
ich, dass sich wahre Zeitlosigkeit erst im Laufe der Zeit offenbart.»
Drei Fragen an Hanya Leo
Das «Faeh House» entfaltet sich räumlich Schritt für Schritt und vermittelt Grosszügigkeit, ohne die Intimität eines Wohnhauses zu verlieren. Ist diese Art der fliessenden Raumabfolge für dich ein Modell für das Wohnen der Zukunft?
Einen festen Ansatz für ein bedeutungsvolles Zuhause gibt es für mich nicht – jede Situation verlangt nach ihrer eigenen räumlichen Antwort. Entscheidend ist, wie sich ein Raum beim Durchschreiten anfühlt. Deshalb arbeite ich gerne
mit bewusst gestalteten Raumsequenzen: Momente von Enge oder Spannung lassen die anschliessende Grosszügigkeit umso intensiver wirken. Ein schmaler Eingangsbereich etwa kann den Blick in gestaffelte Räume lenken und den Übergang in einen offenen Wohnraum stärker erlebbar machen. Dieses Prinzip von «Denial and Reward» prägt meinen Entwurfsprozess – heute ebenso wie in zukünftigen Wohnkonzepten.
Die Mid-Century-Architektur lebt stark vom Zusammenspiel aus Offenheit, Blickachsen und Tageslicht. Wie hast du im «Faeh House» mit Licht gearbeitet, um unterschiedliche Atmosphären im Alltag der Bewohner*innen entstehen zu
lassen?
Mein Ansatz konzentrierte sich auf drei Aspekte. Zunächst wollte ich architektonische Elemente wie die Bibliothek und die holzverkleideten Wände hervorheben, sodass sie selbst zu Lichtquellen im Raum werden und eine warme Atmosphäre schaffen. Zusätzlich habe ich durch Objektbeleuchtung Lichtinseln geschaffen, die unterschiedliche Zonen definieren und einzelne Bereiche subtil betonen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Flexibilität: Die Beleuchtung
sollte sich dem Tageslicht und den wechselnden Stimmungen im Laufe des Tages anpassen. Deshalb entschied ich mich bewusst für ein einfaches, intuitiv bedienbares Dimmsystem, das die Bewohner dazu einlädt, mit Licht, Schatten und der Raumstimmung zu spielen.
Das Haus verbindet reduzierte Gestaltung mit langlebigen Materialien und präziser Planung. Was braucht für dich eine Wohnarchitektur, damit sie auch in Jahrzehnten noch selbstverständlich funktioniert?
Obwohl ich gerne behaupten würde, dass meine Arbeit zeitlos ist, glaube ich, dass sich wahre Zeitlosigkeit erst im Laufe der Zeit offenbart. Was ich sagen kann, ist, dass mein Designprozess stark vom Kontext geprägt ist: von der Lage des Hauses, der Epoche, in der das Gebäude errichtet wurde, sowie von der Identität und Vision der Bauherrschaft. Diese Faktoren bestimmen die gestalterische Sprache eines Projekts. Wenn ein Entwurf nicht auf Trends beruht, sondern einen eigenen Sinn entwickelt, überdauert er auf natürliche Weise das, was im Moment als erstrebenswert gilt. Genau dann beginnt Architektur, mit den Jahren ihre eigene Form von Zeitlosigkeit zu entwickeln.
Fotos: Kim Pham

